Johannes Böhm: Mein Tag 2030

Ich werde geweckt von meinem Google Home Device. Neben meinem PDA (Personal Digital Assistant – die Verschmelzung aus Smartphone und Smartwatch), meinem transformable PC (ja, sowas gibt es immer noch) und meinem Fernseher, ist der kleine runde Kasten von Google das einzig wirklich „smarte“ Gerät bei mir zu Hause. Ich habe mich dagegen entschieden, wie so viele auch meine Waschmaschine, meinen Ofen, Kühlschrank, Heizung, etc. mit dem Netz zu verbinden. Ich fühle mich einfach wohler, noch einige Dinge unmittelbar selber steuern zu müssen – aber eben auch zu können.

Gleich holt mich ein Driverless Uber ab und bringt mich zum Meeting mit meinen Kollegen – wir sind oldschool und treffen uns noch regelmäßig physisch und trinken gemeinsam einen Kaffee. Vor ein paar Jahren haben wir gemeinsam ein kleines Startup gegründet, das lokale Produzenten und bewusst konsumierende Menschen zusammenbringt. Früher hatte ich mich schwer getan, Mitstreiter für meine Idee zu finden. Viele haben sich diesen Schritt einfach nicht getraut. Als dann das Grundeinkommen kam, ging plötzlich alles ganz schnell. Auch als großer Unterstützer der Idee war ich dann überrascht, welche Effekte es tatsächlich hat. Unglaublich, welche Hürden es abgebaut hat und wie viele Menschen plötzlich das tun, was sie für richtig und gut halten. Und unser kleines Unternehmen läuft inzwischen richtig gut.

Unterwegs arbeite ich ein paar Nachrichten ab. Die gute alte E-Mail gibt es vermutlich sogar noch, aber so sicher bin ich mir da auch nicht. Wir wissen heute gar nicht mehr über welche Kanäle unsere Nachrichten laufen. Je nach Situation zeichnet mein PDA meine Nachricht als Ton, Video oder per Texteingabe auf und der PDA des Empfängers bereitet sie dann entsprechend auch wieder situativ auf. Entweder er fasst das zusammen, was ich gesendet habe, gibt es direkt wieder oder erstellt daraus ein Video oder interaktives Hologramm.

Nach dem offiziellen Teil des Tages zieht es mich raus in die Natur. Ich mache eine kleine Fahrradtour und verbinde die Runde gleich noch mit spontanen Besuchen bei einigen der Produzenten, die auf unserer Plattform aktiv sind. Ich bin überrascht, wie wenig Leute man inzwischen wieder mit Fitness-Armbändern, Pulsmessgeräten und Co. trifft. Je weiter sich Quantified Self verbreitet hat und je alltäglicher es wurde, umso stärker hat sich auch wieder ein Gegentrend ausgeprägt, bei dem bewusst darauf verzichtet wird beim Sport irgendetwas zu messen. Anstatt dessen soll wieder die eigene Wahrnehmung stärker in den Mittelpunkt rücken. „Self-Awareness“ nennt man das neuerdings… ich weiß nicht so recht, was ich von all dem halten soll.

Am Abend bereite ich noch meinen nächsten Tag vor. Morgen geht es raus zu einem Kunden, nebenbei bin ich immer noch als Markenberater tätig. Obwohl große Teile unseres Beraterjobs inzwischen auch KI erledigen kann, haben sich meine Kunden bewusst entschieden, lieber mit einem Menschen – genauer gesagt mit mir – zusammenzuarbeiten. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. „Gar nicht mal so schlecht diese Welt“, denke ich mir – und kann mich nur wundern über die Menschen die heute, wie schon vor 100 Jahren behaupten „früher war alles besser“.

Leave a comment