Björn Reckewell: Mein Tag 2030

5. Mai 2030 – mein 59. Geburtstag. Ich werde wach und bitte meinen digitalen Assistenten, die Rollläden hoch zu fahren. Ja, mein Haus ist vernetzt. Eine Weile wollte ich das nicht aber seitdem sich immer mehr die digitale Ethik durchsetzt, bei der die Privatsphäre der Menschen nicht gehackt wird, machen mir die kleinen Alltagshilfen wieder richtig Spaß. Draußen scheint die Sonne, es ist 9 Uhr. Heute ist Sonntag, aber das spielt inzwischen keine große Rolle mehr. Durch das Grundeinkommen für jeden Menschen und die Möglichkeit, in meinem Beruf nur noch einen Tag pro Woche im Büro präsent zu sein, haben sich meine Schlaf- und Aktivzeiten vollständig meinem Biorhythmus angepasst.

Ich arbeite inzwischen nur noch so viele Stunden, wie ich gerade Geld brauche. Daneben engagiere ich mich auch regelmäßig ehrenamtlich und bekomme im Gegenzug dafür sogenannte Social-Coins. Das ist eine neue, virtuelle Währung, die der Staat für gesellschaftliches Engagement bezahlt.  Im Gegenzug spart das Steuergelder und ich kann mit den Social-Coins beispielsweise Strom, Wasser oder andere, inzwischen wieder vollständig in der öffentlichen Hand befindliche Leistungen bezahlen.  Mir gefällt diese neue volkswirtschaftliche Ökonomie gut, weil sie viel gerechter ist.

Während ich mich im Bad frisch mache zeigt mir mein digitaler Assistent im Monitorbereich meines Badezimmerspiegels, wer heute schon alles an mich gedacht hat. Ich genieße es sehr, dass ich nicht mehr jeden sozialen Dienst einzeln aufrufen muss. Seitdem ich alle Konten mit meiner internationalen Passport-Ident-Number verbinden kann, sind Kennwörter und der Alias-Quatsch endlich Geschichte. Während gerade noch die neuesten Nachrichten durchlaufen lockt mich der Kaffeeduft an den Frühstückstisch.

Heute genieße ich den Tag mit der Familie und vielen Freunden. Seit die letzten Lücken im Autobahnnetz komplett ausgebaut sind und wir fast ausschließlich noch autonom mit Elektro-Fahrzeugen fahren, macht das Reisen wieder mehr Spaß. Genial sind auch die neuen, autonomen Schnellbusverbindungen. Wir haben uns heute einen Bus gechartert, der uns um 11 Uhr vor der Haustür abholt. Um 13 Uhr sind wir bereits zum Lunch an der Ostsee. Ein Traum! Nach den leckeren, regionalen Köstlichkeiten müssen wir uns unbedingt bewegen. Wir steigen einfach auf unsere Scrooser und fahren auf dem Deich. So können wir anhalten, wo wir wollen und wenn der Wind von vorn mal wieder zu stark bläst, macht der Elektroantrieb die Sache leichter. Gegen Abend geht es dann mit unserem Schnellbus – den wir zu unseren Koordinaten bestellt haben – wieder zurück nach Hause. Natürlich haben wir uns vor Ort noch ein Catering einladen lassen, der frisch geräucherte Fisch ist einfach zu lecker. Dazu ein schönes Gläschen Wein, großartig. Nicht selber fahren zu müssen und Zeit füreinander beim Reisen zu haben ist mit Abstand der größte Gewinn für die Lebensqualität.

Das war ein schöner Tag. Während meine Familie bereits schlafen geht bin ich noch zu aufgekratzt vom Tag. Während ich noch ein wenig mit meinem Hund durch die Natur spaziere diktiere ich meinem digitalen Assistenten noch ein paar Gedanken und Ideen, die mir heute so über den Tag eingefallen sind und die ich beruflich gern weiterverfolgen möchte. Wieder zu Hause merke ich, dass der Spaziergang dank Arbeit dabei etwas mehr als eine Stunde gedauert hat. Komisch, ist mir gar nicht wie Arbeitszeit  vorgekommen und wurde doch direkt so verbucht. Mit einem Lächeln über diese schöne neue Arbeitswelt im Gesicht schlafe ich beruhigt ein.

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